Persönliches

Persönliches

Im Rahmen und neben der offiziellen Biografie gab es noch viel mehr, das mich geprägt hat.

Nach einer unbeschwerten Kindheit durchlebte ich ein Coming-out, was sich mehrere Jahre hinzog. Der wundervoll-erotische Auftakt 1980 im Zeltlager mit einigen aus meiner POS-Klasse endete jäh mit dem Wechsel zur EOS. Mitte 1982 verhinderte der StGB-Paragraf 151 auf der Peißnitzinsel ein näheres Kennenlernen eines Mannes. Und im Februar 1983 scheiterte auf einer Schul-Fahrt in Minsk ein anderer Kontakt aufgrund meines fehlendes Mutes.

Die Entscheidung, die für ein ziviles Studium verlangten drei NVA-Jahre zu umgehen, bereute ich nicht. Durch einen Freund bekam ich 1987 und dann auch während meines Truppendienstes die Härte der halbjährigen Ausbildung und des späteren Einsatzes der Unteroffiziere hautnah mit. Auch der Grundwehrdienst von 18 Monaten war für viele sehr hart. Bis heute frage ich mich: Warum ging eine sich als sozialistisch-humanistisch verstehende Gesellschaft so inhuman in diesem Bereich mit jungen Menschen um? Heute bin ich übrigens Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen e.V.

In einem Kader-Gespräch an der Offiziershochschule offenbarte ich 1986 meine Homosexualität - ohne direkte Konsequenzen. Bereits zu dieser Zeit führte ich ein Doppel-Leben - die Geheimhaltung gegenüber den anderen Offiziersschülern kostete viel Energie. Meinen ersten kleinen Protest traue ich mir 1986 beim Abschluss des Wehrlagers in Parchim, bei dem wir als Offiziersschüler eingesetzt waren: Zwei Neuntklässler saßen eng umschlungen an einem Baum und ich widersprach homophoben Äußerungen von zwei meiner Kollegen.

Während ich meine ersten Männer durch Cruising und Antworten auf Kontaktanzeigen kennenlernte, war im Januar 1987 der erste Besuch im Arbeitskreis Homosexualität bei der Evangelischen Stadtmission Halle ein persönlicher Wendepunkt. Noch war es mir nicht möglich, in der ersten Reihe aktiv zu werden. Aber ich war seitdem mittendrin in Veranstaltungen, queeren Discos - und Leitungssitzungen.

Trotz etwas entschärfter Bedingungen (im Vergleich zu Soldaten und Unteroffizieren) erlebte ich die Zeit an der Offiziershochschule und später während des Truppendienstes als sinnlos und teils traumatisch. Es gab viele Situationen, die mich geprägt haben. Man stecke einen empfindsamen Menschen (zumal mit meinem persönlichen Hintergrund) über viele Jahre in eine totalitäre Institution: Ich bin ausgebrannt. Heute nennt man dies posttraumatisches Belastungssyndrom. In den 1990ern hatte ich immer wieder Alpträume.
Meine Team- und Anpassungsfähigkeit ist seitdem eingeschränkt. Ich brauche flache Hierarchien und einen Freiraum, um gute Arbeit abzuliefern. Zum Glück hatte ich diese Bedingungen über viele Jahre.

Ab Anfang 1989 wurde ich trotz System-Treue zunehmend im Kleinen widerständiger. Auf meiner MfS-Karteikarte (die Stasi-Berichte über mich wurden Ende 1989 vernichtet) stehen als Schlagworte:
mündlich-negative Äußerungen, homosexuell.

Die Wende kam für mich noch rechtzeitig und ab der Entlassung aus der NVA startete ich 1989/90 voll durch. Meine Kalender von damals belegen eine voll ausgefüllte, dicht gedrängte Zeit. Die Zitate von anderen Personen über mich sind von Anfang der 90er Jahre: „Ants - Dampf in allen Gassen“, „BBZ-Guru“, „Du kannst es nicht lassen“.

Einschneidend war um das Jahr 2000 eine massive, länger andauernde Diskriminierung durch Jugendliche auf dem Spielplatz vor meinem Hauseingang. Trotz Verzweiflung habe ich mich gewehrt - mit direkten Gesprächen, dem Wiedereinstieg in die queere Bildungsarbeit und einer Anzeige gegenüber dem Initiator der Rufe. Und ich grüße noch heute hochachtungsvoll jene Person, die mich als einzige der Jugend-Clique damals verteidigt hat.

Meine Freizeitinteressen sind auch heute vielfältig: Sport (aktiv Kraft-Fitness und als Fan - vor allem Leichtathletik), gute Filme, Musik (Pop, Rock, Dance, Klassik), Internet, Wandern/Spazieren, Natur, Zeitgeschehen, Sauna. Bis in die 2000er Jahre bin ich auch oft in verschiedene Discos gegangen, da mir freies Tanzen große Freude macht.

Auf meinem YouTube-Kanal sind Wettkämpfe von Sprinterin Marlies Göhr zu sehen. Seit 1978 bin ich ihr vielleicht größter Fan außerhalb ihrer Familie. 2009 bin ich für das MDR-Fernsehen mit Marlies die 100 Meter in Jena gelaufen - inszeniert und dennoch schön. Da ich zu DDR-Zeiten keinen Videorekorder hatte, suche ich noch viele ihrer Läufe.

Mein anderes Sport-Idol war spätestens ab ihrem Sturz als Olympia-Favoritin 1994 Gunda Niemann-Stirnemann. Meinen Vornamen Ants (ein aus Finnland und Estland stammender Name) habe ich von einem Olympiasieger 1964 im Eisschnelllauf. Im Gegensatz zur aktiven Zeit von Marlies Göhr konnte ich viele Wettkämpfe von Gunda auf Band aufnehmen. Die Nachricht von ihrer Schwangerschaft im Oktober 2001 hat mich sehr mitgenommen.

Ende 2015 ist Raik aus Zerbst (Anhalt) in mein Leben getreten und begleitet mich seitdem jeden Tag. Wir sind kein Paar im klassischen Sinne aber freundschaftlich sehr eng verbunden. Ich besuche ihn nur ein-, zweimal im Monat – aber die täglichen, mehrfachen Telefonate geben mir Halt und Geborgenheit.

Seit langem sind für mich eine tragfähige Beziehung und das Ausleben der Sexualität zwei voneinander getrennte Dinge. Für mich passt das konstant und gut.

Abschließend möchte ich an meine Mutter (1934-2025) und meinen Vater (1936-2016) erinnern. Sie haben eine gute stabile Basis für mein Leben gelegt, die mich bis heute trägt. Und sie unterstützten mich (manchmal mit kleinen und großen Sorgen) zu jeder Zeit. Danke für alles!

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